



Goethe, J. W. v.
Das Tagebuch 1810. Mit Steindrucken von Rudolf Großmann
München, Phantasus-Verlag (1919)
24 x 18 cm. 33 Seiten. Mit koloriertem Titel sowie 24 handkolorierten Orig.-Lithographien. Rotbrauner, ecrasierter Orig.-Maroquinband mit Rückentitel und Kastenvergoldung, Steh- u. Innenkantenvergoldung, Vollgoldschnitt. (Signiert: Frieda Thiersch). - Eines von 20 römisch nummerierten Exemplaren der Vorzugsausgabe in Maroquin mit den handaquarellierten Orig.-Lithographien von Rudolf Großmann. Der Druckvermerk wurde vom Künstler signiert. Beiliegt die immer fehlende Extrasuite mit den signierten Lithographien sowie einer zusätzlich signierten beigelegten Orig.-Zeichnung, sämtlich unter Passepartout. Erster Phantasus-Druck. - In Goethes Gedicht „Das Tagebuch“ aus dem Jahr 1810 erzählt ein Ich-Erzähler von einer ungewöhnlichen Begebenheit auf seiner Rückreise nach Hause. Er war längere Zeit von seiner Frau bzw. seiner Geliebten getrennt und freut sich darauf, endlich wieder zu ihr zurückzukehren. Auf dem Weg dorthin geht jedoch sein Wagen kaputt, sodass er gezwungen ist, eine weitere Nacht unterwegs zu verbringen. Er sucht sich deshalb eine Unterkunft in einem Gasthaus. Dort begegnet er einem jungen Dienstmädchen, das ihm sofort gefällt und ihm deutlich zu verstehen gibt, dass sie einer gemeinsamen Nacht nicht abgeneigt wäre. Der Erzähler lässt sich zunächst auf die Situation ein und geht mit dem Mädchen auf sein Zimmer. Als es jedoch darauf ankommt, kann er seine Lust nicht in die Tat umsetzen. Er ist überrascht und gleichzeitig etwas beschämt, weil sein Körper nicht so reagiert, wie er es erwartet hat. Erst als seine Gedanken wieder zu seiner Geliebten zu Hause wandern, verändert sich die Situation. Dabei wird deutlich, dass seine Gefühle für sie stärker sind als die kurzfristige Versuchung durch das Dienstmädchen. Am Ende entscheidet sich der Erzähler deshalb gegen die fremde Frau. Das Dienstmädchen schläft schließlich ein, und er lässt sie in Ruhe. Am nächsten Morgen geht sie wieder ihrer Arbeit nach. Die Geschichte endet damit, dass der Erzähler seine Treue zu seiner Geliebten als eine Art moralische Erkenntnis versteht. Gleichzeitig erzählt Goethe das Ganze mit viel Humor und Selbstironie, sodass das Gedicht nicht wie eine klassische moralische Geschichte wirkt. Gerade die offene und teilweise sehr direkte Darstellung von Sexualität macht „Das Tagebuch“ ungewöhnlich für seine Zeit. Goethe verbindet dabei Erotik, Komik und die Frage nach Treue miteinander. - Tadellos erhalten. - Rodenberg 457. - Schauer, Bd. II,99. - Sennewald, 19,2.
