



Benn, Gottfried
Schutt. (Gedichte)
Berlin-Wilmersdorf, Alfred Richard Meyer Verlag 1924.
Erstausgabe, Widmungsexemplar. " Long long ago - Gottfried Benn. 1949. 5 X Berlin". - 29,2 x 19,2 cm. 14 nicht paginierte Seiten. Orig.-Broschur mit Deckeltitel. Broschur eingebunden in Halbleinenband der Zeit. - Nur in 300 Exemplaren erschienen. Enthält die Gedichte Spuk, Rot, Schwer, Die Dänin, Ach du zerrinnender, Chaos, Nacht und Die Welten halten. Eines von wenigen Exemplaren, die der Verleger zum Schutz der empfindlichen Broschur in eine leichte Kartonage eingebunden hat. - Schutt von Gottfried Benn erschien 1924 in Berlin und gehört zu den schmalen, heute besonders gesuchten Lyrikveröffentlichungen aus Benns mittlerer Schaffensphase. Der Band versammelt wenige Gedichte, die in ihrer thematischen Radikalität und formalen Zuspitzung eine konsequente Fortführung, zugleich aber auch eine innere Neujustierung von Benns expressionistischem Frühwerk darstellen.
Inhaltlich kreisen die Schutt-Gedichte um Zerfall, Auflösung und existenzielle Leere. Der Titel fungiert programmatisch: Gemeint ist nicht nur materieller Trümmer, sondern geistiger, kultureller und metaphysischer Abraum. Benn entwirft Bilder von Nacht, Chaos, Krankheit und innerer Entwurzelung; das lyrische Ich erscheint häufig fragmentiert, isoliert und seiner metaphysischen Sicherheiten beraubt. Natur, Körper und Bewusstsein werden nicht mehr als sinnstiftende Ganzheiten erfahren, sondern als brüchige, oft feindliche Erscheinungen. Sprache ist dabei hart, verdichtet und frei von ornamentaler Ausschmückung.
Im Unterschied zu den frühen Gedichten aus Morgue tritt das Schockierende weniger medizinisch-konkret auf, sondern ist stärker philosophisch und existenziell grundiert. Die Gedichte reflektieren eine Welt nach dem Zusammenbruch der alten Ordnungen, geprägt von Ernüchterung und geistiger Kälte. Kunst erscheint nicht mehr als Heilversprechen, sondern als letzte, fragile Form geistiger Selbstbehauptung.
Im Gesamtwerk Benns markiert Schutt eine Übergangsposition zwischen dem frühen Expressionismus und der späteren, stärker reflektierten Werkphase. Der Band dokumentiert Benns Abwendung von utopischen Restbeständen und seine Hinwendung zu einer nüchternen, elitären Kunstauffassung, in der Formstrenge und geistige Distanz zentrale Rollen spielen. Als Erstausgabe steht Schutt damit exemplarisch für Benns Weg vom eruptiven Ausdruck zur kalten, bewusst gesetzten Sprachkunst.
Tadelloses, breitrandiges und unbeschnittenes Exemplar. - Lohner/Zenner 1.40. - Wilpert/Gühring 2/11. - Raabe 24/11. - Lyrische Flugblätter 105.
